Durch die Jagd wird das Wild scheu gemacht

 

 

Noch vor wenigen Jahren erschienen märchenhafte Berichte in den Medien mit denen man uns weismachen wollte, dass es die ganz normalen friedlichen Menschen sind, die mit ihren Naturbesuchen eine derartige Unruhe unter den Wildtieren verbreiten, dass man zum Schutz der Tiere über die Einrichtung von Wildruhezonen nachdenken müsse. Die schlimmsten Naturschädlinge waren, den Berichten zufolge, eindeutig jene Menschen, welche in der Natur auch noch Sport betrieben.

Vor allem von der Seite der Jägerschaft wurde so mancher Bericht veröffentlicht und über die zunehmende Naturliebe der Bevölkerung wie über eine hereinbrechende Katastrophe gejammert. Sie als Naturbeobachter vor Ort hatten alles schon längst klar durchschaut und dabei auch die Ursache für die fortwährende Unterernährung der Rehe erkannt. Demnach waren die nur wegen der hohen Arbeitslosigkeit abgemagert!

Bei ihrer fortwährenden Flucht, vor diesen in Heerscharen über die Natur herfallenden Arbeitslosen, die sich nun als Wanderer getarnt im Wald ihre Zeit vertrieben, würden die Tiere es demnach ganz vergessen, dass sie zwischendurch auch noch ab und zu etwas fressen sollten.

Die Beweise für diese These hatte mancher Jäger bereits im Kofferraum seines Geländewagens. Es waren erschossene Tiere, mit viel zu wenig Schlachtgewicht!

Wie sollte man da unter solchen Umständen und weiterhin hohen Jagdpachtzahlungen als Jäger noch auf seine Kosten kommen?

Für sie war es ganz klar: Die Wildtiere brauchten nicht nur mehr Futter, sondern noch weitere Hilfe, denn die mussten dringendst vor den vielen Wanderern geschützt werden! Und nach weiterer, unter dem grünen Deckmäntelchen des Naturschützers gestarteter Medienpropaganda hatten sie dann letztlich auch noch die Hoffnung, dass es wenigstens der Dümmste von uns Bürgern irgendwann einmal kapiert, dass er aus Rücksicht auf die Natur zukünftig in seiner Freizeit nicht mehr durch die Natur wandern, sondern stattdessen wieder zu seinen sonntäglichen Kaffeefahrten mit dem Auto zurückfinden sollte.

 

Derartiger Blödsinn wurde in etwas anderer, dafür überzeugenderer Wortwahl in einigen Zeitungen tatsächlich dargeboten. Zweifellos sollte damit nicht allein die bestehende Problematik mit diesen unterernährten Wildtieren und deren immer weiter angestiegene Scheu vor uns Menschen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden, sondern auch mehr Einsicht innerhalb der Bevölkerung dafür entstehen, dass Teilsperrungen in unserer Natur – der Tiere wegen – notwendig seien.

Zuständigen Beamten genügten bereits die Geschichten der Jäger, um zuerst einmal den Natursport in immer mehr Naturbereichen zu verbieten. Es waren nun nicht mehr die militärischen Tiefflieger oder Jumbo-Jets mit ihren Abgasfahnen und Lärmbelastungen, sondern die paar Drachensegler, die einfach nur so an einem Stofffetzen hängend geräuschlos und ohne Motor im Wind hoch über den Bergen segelten, die man inzwischen als die größte Gefahr für unsere Natur entdeckt hatte. Auf dem Wasser waren es nicht die Motorbootfahrer oder Kiesbagger, sondern die Windsurfer und Paddelbootfahrer und am Ufer waren es nicht die Angler, sondern die Badegäste und im Wald die Pilze-Sammler, Kletterer und Reiter, die man zur Rettung unserer Umwelt wieder zum Autofahren überreden musste. Die Verbote wurden mit einer nicht mehr länger hinnehmbaren Beunruhigung der Wildtiere begründet. Eine Beunruhigung die bei Begegnungen, wegen einer angeblich angeborenen Menschenscheu, unvermeidbar sei.

Doch von den vielen fliehenden Rehen bekam man als Wanderer seltsamerweise kaum eines zu sehen und irgendwann hatte es dann auch die Jägerschaft begriffen, dass man so nicht weiter argumentieren konnte. Folglich wurde der Vorwurf mit den flüchtenden Rehen nun einfach auf den Kopf gestellt.

Aufgrund wissenschaftlicher Ursachenforschung hatte man kurzerhand umdisponiert. Plötzlich waren es sich versteckende Rehe, die nun wegen Futtermangel in ihren Verstecken abmagerten.

Die wissenschaftlichen Beobachtungen belegten, dass die Tiere um so ausdauernder in ihren Verstecken verharren und demnach an diesen Stellen wegen ihres Hungers auch dementsprechend mehr Waldwildschäden verursachen, je häufiger Wanderer in den betreffenden Gebieten unterwegs sind.

Mit diesem Bestandteil der Untersuchungen konnte man folglich mit mehr Nachdruck überzeugen, dass es nun auch noch um den Schutz des Waldes geht und dass man, wegen der um ihr Überleben kämpfenden Forstwirtschaft, nicht umhin kommt, derentwegen und der Tiere wegen, immer mehr Naturbereiche als Wildruhezonen auszuweisen und für die Bevölkerung zu sperren.

Primär ist aber die Jagd –  und das ist nachweisbar – der eigentliche Störfaktor in der Natur und die Ursache für die unnatürliche Scheu der Wildtiere. Und diese Scheu bzw. Angst der Wildtiere, in Kombination mit einem unnatürlich überhöhten Wildtierbestand, ist die  wirkliche Ursache der Waldwildschäden. Die in Erscheinung getretene Verstärkung dieser negativen Auswirkungen durch die in der Natur Erholung suchende Bevölkerung waren hingegen nur sekundärer Art, einfach nichts anderes als von der Jagd ausgelöste Nebenwirkungen!

 

Auch die angestellten Ursachenforschungen lasteten der Jagdausübung einen enorm hohen Anteil der Störwirkungen an und zeigten zudem darauf hin, dass die ganze Wildschadens-Problematik durch Hege und Wildfütterung nur zusätzlich noch verschärft wurde. Berichte darüber waren z.B. auch in den Nachrichten des Rheinland-Pfälzischen Gemeinde- und Städtebundes nachzulesen.

Die in den Medien dennoch fortwährend einseitige und nur die Bevölkerung belastende Darstellungsweise der Untersuchungsergebnisse war daher nur noch als gezielte Irreführung zu bezeichnen, denn so erweckte man den Eindruck, als seien allein unsere friedlichen Naturaufenthalte die einzige Ursache aller Probleme.

Ganz offensichtlich war den Jägern und ihren Freunden jede die Tatsachen verdrehende Darstellungsweise recht, egal wie es dabei um die Wahrheit bestellt war, Hauptsache man fand irgend ein Argument das man dann in irgend einer Form gegen das Wandern und Radfahren hochspielen konnte.

So wurden diese, die Wanderer und andere Naturliebhaber, beklagende Berichte und Gutachten auch immer wieder seitens der Behörden zur Begründung von Sperrungen gegenüber der Bevölkerung ins Feld geführt, obwohl doch die eigentlich von der Jagd ausgehenden Probleme in Fachkreisen bekannt waren.

Die somit eindeutigen Propagandazwecken dienenden Medienberichte deuteten darauf hin, dass man gar nicht so sehr dazu bereit war, zum Schutz des Waldes die irrsinnige Hege und Hobby-Jagd entsprechend dem Umfang ihrer Schädlichkeit einzuschränken. Viel mehr bemühte man sich um ein Verdrängen der Bevölkerung, zugunsten einer weiterhin uneingeschränkten Jagdausübung. Zugleich konnte man auch mit den Anschuldigungen der Bevölkerung die Jägerei aus dem Brennpunkt der Kritik wieder etwas heraus bringen.

Dass aber allein die Jagd als die eigentliche Problemursache angesehen werden muss wird um so deutlicher, je mehr man sich mit Lebensweisen und Verhaltensweisen von Wildtieren beschäftigt.

 

Es steht außer Zweifel, dass das Rotwild früher Steppenbewohner waren, die in Rudeln teils Gras fressend in freiem übersichtlichem Gelände lebten und dabei durch ihre Neigung zum Verbeißen von Gehölzen einer Bewaldung dieser Landschaft entgegen wirkten.

Auch das Rehwild war früher mehr ein Buschland- und Waldrandbewohner als ein Waldtier. Auch diese Tierart hatte die Aufgabe, gegen eine völlige Bewaldung seines Lebensraumes wirksam zu sein.

Zum besseren Selbstschutz in ihrem jeweils angestammten Lebensumfeld sind diese Wildtierarten von der Natur mit einem bemerkenswerten Sehvermögen ausgestattet. Das befähigt sie dazu, all das, was sich bewegt, besonders gut zu erkennen.

Wegen solchen, für ein Leben außerhalb des Waldes speziell abgestimmten Seheigenschaften und auf Grund ihrer körperlichen Konstitution konnten diese Tiere anschleichende Raubtiere oder jagende Menschen in der Regel rechtzeitig erkennen und erfolgreich vor ihnen fliehen. Noch heute neigt das Rotwild als ausdauernder Läufer zu weiten Fluchtstrecken, während das Rehwild eher dazu befähigt ist, mit mächtigen Sätzen über Hecken und Gebüsch hinweg, sich ohne große Fluchtwege in Sicherheit zu bringen.

Daher waren deren natürliche Feinde, die Bären und Wölfe, kaum in der Lage, ein gesundes kräftiges Tier zu reißen. Deren Jagderfolge beschränkten sich im Wesentlichen auf das Erbeuten von kranken oder geschwächten Tieren, sowie einiger noch unvorsichtiger Jungtiere. Wie man heute weiß, nehmen die Raubtiere mit ihren Jagderfolgen deshalb weitaus weniger Einfluss auf die Bestandsdichte ihrer Beutetiere, als vielmehr auf die Erhaltung deren gesunden Artbestandes.

Es ist daher auch heute noch leicht nachvollziehbar, dass sich das Rot- und Rehwild früher in seinem ursprünglichen Lebensraum, aufgrund seiner speziellen körperlichen Veranlagung, recht sicher fühlte und somit ohne quälende Angst relativ stressfrei leben konnte.

Erst mit der Erfindung der Gewehre ist den Tieren ein völlig unnatürlicher, da nicht mehr rechtzeitig erkennbarer Feind entstanden. Diesem neuen, blitzschnell und unerwartet aus der Ferne wirksamen Feind ist das Wild seither chancenlos ausgeliefert und in dem Fall seiner natürlichen Fähigkeiten beraubt, die tödliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Es kann auch seine körperlichen Vorzüge gegenüber diesem unnatürlichen Feind nicht mehr nutzen, um sich in Sicherheit zu bringen.

Logischerweise hat der Einsatz von solchen Schusswaffen daher eine enorme Unsicherheit und Angst unter den Wildtieren verbreitet und damit eine sehr starke Unruhe in deren Leben gebracht.

Angst, besonders die durch negative Erlebnisse entstandene Angst, führt zu einem vor Gefahren ausweichenden Verhalten.

Am Beispiel des Rotwildes und der Rehe trug der Schusswaffeneinsatz mit Sicherheit sehr dazu bei, dass diese Tiere ihren Lebensraum entsprechend verlagert haben. Aus den schon lange zuvor von Menschen landwirtschaftlich genutzten offenen Naturbereichen zog sich das Wild inzwischen mit zunehmendem Schusswaffengebrauch und somit steigender Verunsicherung und Angst in die dicht bewachsenen sie vor den Kugeln schützenden, aber unübersichtlichen Waldbereiche zurück. Obwohl der dicht bewachsene Wald vielen Tieren wegen der sperrigen Geweihe die Flucht erschwert und früher auch Raubtieren beim Anschleichen bessere Deckung bot, so dass es solchem Fluchtwild in diesem Umfeld gefährlicher werden konnte, riskierten diese Schalenwildarten nicht ohne Grund den Aufenthalt in einem derart ungünstigen Naturbereich. Der inzwischen vollständige Wechsel dieser Tiere in den, auch von der Ernährung her, für sie ungünstigeren Lebensbereich ist letztlich eine von den Jägern verursachte folgenschwere Störung und Verfälschung unserer Natur!

 

Die Jäger deuten zwar auf die Ausräumung der Landschaften durch landwirtschaftliche Flurbereinigungen hin und bezichtigten diese Maßnahmen als die Ursache für die Lebensraumverlagerung der Wildtiere. Das traf aber nur noch auf die letzten in Feldgehölzen versteckt lebenden Rehbestände zu. Die eigentliche Zeit in der dieser Wechsel begann, war aber schon sehr lange vor der Zeit der Flurbereinigungen.  Vielerorts z.B. in Steillagen, wo keine landwirtschaftliche Nutzung und Flurbereinigungen mehr stattfanden, ist das größere Wild ebenfalls aus dem offenen Bereich in den vor Schusswaffen besser schützenden Wald abgewandert. Zudem hätte die Ausräumung der Landschaft das Rotwild als Steppenbewohner sowieso nicht gestört oder gar in den Wald vertrieben.

Auch Untersuchungen in den USA belegen, dass Hirsche sich dort während der Jagdzeiten in die Wälder zurück ziehen und erst nach Ende der Jagdsaison wieder in die Prärie zurückkehren.

Dies alles zeigt doch an allen ablenkenden Beteuerungen der Jäger vorbei, auf die eigentliche Ursache, auf die Verunsicherung der Tiere durch diese neuartige Jagdwaffe.

Bei den, in unserer Region, zudem auch noch sehr lange anhaltenden Jagdzeiten braucht man sich über einen dauerhaften Lebensraumwechsel der Tiere daher auch nicht mehr zu wundern. Dieser Wechsel wurde schließlich, entsprechend dem Jagddruck, mehr oder weniger stark beschleunigt.

In diesem nun relativ neuen aber sehr unübersichtlichen Lebensbereich bleibt den Tieren vorwiegend nur noch ihr Gehör und ihr Geruchsinn als Gefahrenwarnung.

 

Den Hobby-Jägern ist es derzeit bei uns mit einer weiteren Neuerung, nämlich dem inzwischen überall verbreiteten Beschuss von Hochsitzen herunter, längst gelungen, besonders diesem Fluchtwild, wenn es aus seinen Tageseinständen heraus kommt, die Chance zum Entkommen noch weiter einzugrenzen und es damit auch noch in seinem neuen Lebensraum, dem Wald, aufzulauern und noch mehr zu verunsichern.

Mit dieser Ansitzjagd ist die Jagd allerdings auch auf ein völlig hinterhältiges Niveau abgesackt. Denn hier braucht sich der Schütze nicht mehr anzupirschen, sondern sitzt nur noch geräuschlos und bewegungslos in erhöhter übersichtlicher und oftmals noch in einer mit Ästen und Zweigen gut getarnten Position. Damit sind diese, zu heimtückischen Heckenschützen gewordenen Jäger, für die Augen der Rehe, mit deren speziellen Seh-Eigenschaften, nicht mehr wahrnehmbar. Auch entstehen bei dem Lauern keine verräterischen Geräusche, so dass dem Wild letztlich nur noch der Geruchssinn zur Gefahrenwitterung bleibt und selbst der ist nun nicht mehr zuverlässig. Wegen der höheren Position des Schützen streicht dessen Geruch, für die Tiere nicht wahrnehmbar, über diese hinweg. Man muss sich daher nicht wundern, wenn die in ihrer enormen Verunsicherung inzwischen voller Angst sehr sorgfältig und langandauernd wittern. Dabei steht das betreffende Reh- oder Rotwild gelegentlich chancenlos wie auf dem Präsentierteller, fertig für den heimtückischen Abschuss aus dem Hinterhalt.

Das Wort „Waidgerechtigkeit“, das auf normal-deutsch so viel bedeutet wie „Jagdgerechtigkeit,“ ist bei einer solchen Beschießung völlig fehl am Platz, denn dem jeweiligen Tier bleibt keine Chance, gegenüber einer solch niederträchtigen Verhaltensweise. Bemerkenswert ist auch, dass der Begriff „Waidgerechtigkeit“ Einzug in Gesetzeswerke gehalten hat. Das Bundesjagdgesetz besagt, dass die Jagd nach Grundsätzen der Waidgerechtigkeit zu erfolgen hat. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass dieser Begriff in keiner Form definiert ist und der freien Interpretation der Jäger unterliegt, ist dies skandalös, denn somit ist in dieser Gesetzesnorm der Spielraum für Auslegungen nach Gutdünken gegeben.

Zudem kommt das lange Wittern der Wildtiere den Hobby-Jägern besonders gelegen. Ihnen bleibt folglich viel Zeit, um das jeweilige Wesen zu mustern. Das wiederum ermöglicht es ihnen ganz besonders, ihrer Trophäen-Jagd zu frönen.  

Wegen einer solchen, für die Tiere nicht mehr erkennbaren und zusätzlich erhöhten Gefahr, könnte bei ihnen das Gefühl vorherrschen, dass sie diesen unsichtbaren und todbringenden Schützen einfach nur noch chancenlos ausgeliefert sind, sobald sie aus ihren Tagesverstecken hervor kommen.

Aber damit ist es noch nicht genug. Zu den bereits beschriebenen Angst erzeugenden Effekten der heutigen Jagd kommt noch eine weitere Komponente, welche die Angst der Tiere noch mehr verschlimmert und somit deren Menschenscheu weiter verstärkt:

Es ist eine bemerkenswerte Eigenart des Sinnesgedächtnisses, welche sowohl bei uns Menschen wie auch bei den Tieren darin besteht, dass Anblicke, Geräusche, Gerüche, Geschmack und Gefühle mit jedem Erlebnis, so zeitgleich wie sie erlebt wurden, auch miteinander zusammen gespeichert werden. Das führt dazu, dass manchmal nur eine einzige einem früheren Erlebnis identische Sinneswahrnehmung aufzutreten braucht, um sofort wieder die anderen mitgespeicherten Erinnerungen an Details eines früheren Erlebnisses zu wecken. So kann z.B. bei uns das Ertönen eines Liedes schlagartig alte vergessene Bilder und Gefühle wieder in uns wecken. So kann aber auch ein bestimmtes Knall-Geräusch sofort traumatische Erinnerungen an einen erlebten Verkehrsunfall in uns wach machen, mit allen damals durchlebten Gefühlen.

Es ist anzunehmen, dass ein Knallgeräusch bei vielen Tieren sofort die Erinnerungen an frühere traumatische Erlebnisse weckt, die sich bei einem solchen Knall abspielten.

Viele unserer Wildtiere sind Herdentiere, auch wenn sie inzwischen aus Todesangst nur noch in kleinen versprengten Gruppen zu sehen sind. Sie praktizieren untereinander ein Sozialverhalten, das jenes von so manchem Menschen weit übersteigt. Mit jedem Schuss, bei dem eines ihrer Familien- oder Sippenangehörigen zu Tode kommt oder verletzt und schreiend liegen bleibt, erleben die Tiere erneut ein solches Trauma.

Da genügt dann bereits ein Knall in der Ferne, um in diesen, mit gutem Erinnerungsvermögen ausgestatteten Wesen, alte Trauma-Erlebnisse zu wecken, so dass sie sich möglicherweise zitternd vor Angst nur noch tiefer im Dickicht verkriechen.

Besonders ehemals durch Beschuss verletztes, aber überlebendes Wild, kann derart ängstlich und vorsichtig werden, dass selbst ein häufig lauernder Jäger es kaum wieder zu sehen bekommt.

Bei den zwischenzeitlich sehr hoch gezüchteten Wildtierbeständen und dem nun sehr viel häufiger als früher möglichen und auch erfolgenden Beschuss, muss immer öfter mit dem erneuten Wachrufen solcher Trauma-Erlebnisse bei den Tieren gerechnet werden. Daher ist davon auszugehen, dass diese alten Angstzustände von den Tieren heute viel öfter durchlebt und häufiger durch neue Negativ-Erlebnisse aufgefrischt werden, als zu früheren Jagdzeiten.

Selbst während der Schonzeiten, der Zeit der Nachwuchsaufzucht, bleibt das Wild vor derartigen wiederkehrenden Trauma-Erlebnissen nicht ganz bewahrt. Dafür sorgen zum einen die nach Tierarten zeitlich gestaffelten Schonzeiten, die eine weitere Knallerei auf andere Arten in diesen Zeiten ermöglichen. Dazu kommen aber auch noch die Schüsse auf jene Tierarten, wie z.B. Füchse oder Kaninchen, die ganz ohne Schonzeit leben. Das erlaubt es den Jägern, häufig auch ganzjährig, in der Natur herumzuballern und damit weiterhin als Nebeneffekt alle wild lebenden Tiere einem ununterbrochenen Jagdstress auszusetzen.

Welchem Jagdstress die Tiere insgesamt ausgesetzt sind, kann man anhand von Zahlenangaben, die aus Jägerkreisen stammen, in etwa erkennen. Demnach erlegen sie bei uns jährlich etwa fünf Millionen Stück Wild! Nicht verwertbare Kleintiere sind da noch gar nicht mitgezählt! Solche Zahlen ermöglichen es uns erst zu erahnen, welches sinnlose Gemetzel die Jäger unter den Tieren derzeit noch immer anrichten und mit welcher Todesangst die Wildtiere derweil ihr verstecktes Dasein fristen müssen.

 

Diese über weite Distanzen wirksamen Schüsse und die zudem kaum noch wahrnehmbaren Schützen, sowie das damit möglicherweise ausgelöste Gefühl schutzlos ausgeliefert zu sein, sobald man aus dem Versteck hervor kommt, dazu der enorm gesteigerte Beschuss und die somit vermehrt ausgelösten traumatischen Erinnerungen, erhöhten die Angst der Tiere inzwischen auf ein tierquälerisches Niveau. Die Angst ist derart groß geworden, dass das Wild tagsüber wegen nur spärlicher Ersatznahrung hungernd in den Verstecken ausharrt, um die Zeit der eigentlichen Futteraufnahme in die Dämmerung oder in die Nacht zu verlegen.

Die Dämmerung ist daher eine besonders aktive Zeit für die Jäger geworden. Durch deren Beschuss während dieser Zeit kommt es dazu, dass die überlebenden Wildtiere ihre Futteraufnahme vorzeitig wieder abbrechen oder bereits beim Wittern durch den Geruch des Jägers gestört, schon vor der Futteraufnahme, zu kräftezehrender Flucht verleitet werden.

Es ist ersichtlich, dass nicht nur zu viele, dazu noch voller Angst in einem ungünstigeren Lebensumfeld lebende Tierbestände, sondern auch der starke Beschuss in der Zeit der Nahrungsaufnahme dazu führte, dass vor allem das Reh- und Rotwild, wegen ungenügender Ernährung, in seinen Verstecken notgedrungen viel Schaden an jungem Baumbestand verursachte und dennoch immer magerer wurde.

So kam es durch die enorme Verängstigung der Wildtiere dazu, dass in vielen Jagdrevieren das Fleischgewicht erschossener Tiere zum Ärger der Jäger immer spärlicher ausfiel und damit, im Verhältnis zur Anzahl der Tiere, weniger Einnahmen aus den Fleischverkäufen zu erzielen waren.

Abnehmende Wildbretgewichte sind aber für Jagdwissenschaftler schon seit langer Zeit zu einem zuverlässigen Indikator dafür geworden, dass das Wild in dem entsprechenden Revier überhegt wurde und somit eine zu hohe Wilddichte und damit zusammenhängend auch ein zu hoher Jagddruck im Revier besteht. Dies dürfte aufgrund entsprechender Veröffentlichungen in den einschlägigen Zeitschriften eigentlich auch bei den Jägern bekannt sein (z.B. Die Pirsch Nr.26/92 oder Unsere Jagd 3/93). Den Jägern ist inzwischen aber auch bekannt, dass der von ihnen auch im Wald ausgehende hohe Jagddruck mit, wenn nicht gar ausschließlich, daran schuld ist, dass ehemalige Tagtiere inzwischen zu Nachttieren geworden sind (dies wird sogar im Mitteilungsblatt Nr.6/30 des Rheinland-Pfälzischen Jagdverbandes erkannt, wenngleich auch dort sofort wieder mit Anschuldigungen gegenüber der Bevölkerung nicht gegeizt wird).

Mit der Verlagerung des Lebensrhythmus bei vielen Tierarten wurde es inzwischen aber auch für die Hobby-Jäger immer schwieriger, ihren mörderischen Zeitvertreib auszuüben.

 

Die noch vor wenigen Jahren für die Trophäenjagd enorm hochgepäppelte, unnatürlich hohe Wilddichte von Reh- und Rotwild in unseren Wäldern und hier der Futtermangel in den Tagesverstecken führten zu einem sehr starken Verbiss an den Junggehölzen. Damit waren in den letzten Jahrzehnten unserer Forstwirtschaft enorm hohe Wildschäden entstanden (Nachrichten des Rheinland-Pfälzischen Gemeinde und Städtebundes 11/92).

Waldwildschäden sind aber auch noch heute eine weitere negative Folgeerscheinung der Hobby-Jagd! Nach langer Verheimlichung war dieses lange verschwiegene Problem dann aber Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre doch noch in der Öffentlichkeit etwas bekannt geworden.

Da aber in diesem Zeitraum auch die Anzahl der in der Natur Erholung suchenden Menschen etwas angestiegen war und zunehmende Scharen von Wanderer diese Nebenwirkungen der Jagd eigentlich nicht verursachten, aber entsprechend den wissenschaftlichen Untersuchungen verstärkten, brauchte man sich auch nicht zu wundern, wenn die eigentlichen Verursacher, die Jäger, mit Rückenstärkung durch ihre Freunde aus Politik und Presse, übereifrig von ihrem Verschulden ablenkten und uns Bürger als die Schuldigen anprangerten. Dabei ist die Menschenscheu der Wildtiere und ihre inzwischen übersteigerte Angst vor Wanderern doch nur eine Nebenwirkung der Hobby-Jagd.

Da die Bejagung inzwischen vorwiegend in der Dämmerungszeit stattfindet und zu der Zeit kaum noch Wanderer unterwegs sind, braucht es einen auch nicht zu verwundern, wenn man Jäger tagsüber nur noch bei der Futterausteilung an entsprechenden Lock-Plätzen und nicht mehr beim Schießen antreffen kann.

Da wir viele Tierarten in der Natur wegen ihrer übermäßigen Angst kaum noch wahrnehmen können und auch die Jagdausübung aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit zeitlich verschoben stattfindet, entsteht leider ein falscher Eindruck. Dieser verleitet dazu, dieses Hobby bereits als etwas harmloses einzuschätzen und die alte Schuldzuweisung, als Wanderer das ganze Wildschadensproblem zu verursachen, auch noch reumütig anzunehmen. Einen solchen Eindruck fördern viele Jäger auch mit dem Hinweis, dass sie mehr Heger statt Jäger sind und wegen der vielen Naturbesucher kaum noch ein Tier schießen können und eh nur noch Schadensbegrenzung an der Natur betreiben, welche angeblich ganze Invasionen von Wanderer anrichten.

Dass er, als edler Waidmann, somit inzwischen mehr zum Tier- und Naturschützer geworden ist und seine Jägerfunktion nur noch nebenbei mit betreibt, nur um alte und kranke Tiere von ihrem Leiden zu erlösen, das lügt man dann auch noch schnell mit dazu.

Immer dreister begannen sich diese Metzger aus unseren Wäldern als die Anwälte der Wildtiere aufzuspielen, die nun angeblich um mehr Ruhe für die armen Tiere kämpften. Zu diesen, für manche Menschen noch heute glaubhaft wirkenden Täuschungen, kamen dann auch noch die irreführenden Ausdrücke in der jagdlichen Umgangssprache. Dabei entstand, und es entsteht auch noch heute bei vielen Bürgern der Eindruck, dass sie dann, wenn es um die Jagd geht, nicht mitreden können, da ihnen noch nicht einmal die vermeintlichen Fachausdrücke geläufig sind und sie schon deshalb zu wenig von dem Thema verstehen. Letztlich bewirkt auch noch immer das vertrauenerweckende Geschwätz von Waidgerechtigkeit und Jagd-Kultur, dass mancher Nichtjäger nur noch tief beeindruckt ist, von der Sachkompetenz und angeblich so selbstlosen Aufopferung der Jäger, bezüglich der Natur und der Wildtiere.

Es ist so gewollt, dass man als Nichtjäger letztlich einfach nur noch übersieht, was sich da in der Natur wirklich abspielt. Diese verdrehte Wahrnehmung wurde von genügend jagenden Förstern, aber auch von so manchem Wissenschaftler verfestigt. Dass es bei alledem aber überhaupt nicht um das Wohl der Tiere, sondern nur um eine noch ungestörtere Ausübung der Spaß-Jagd geht, das ist für viele Bürger bei so viel Selbstlob der Jäger und Schuldzuweisung an die Bevölkerung kaum noch zu erkennen.

Wohl wissend, dass die Bevölkerung nicht über die Zusammenhänge informiert ist, konnte man bisher auch immer dreister seine Mitbürger der Schuld für das ganze Desaster, das man selber angerichtet hat, bezichtigen. Hohe Jagdvertreter klagten deshalb noch vor wenigen Jahren über das bestehende uneingeschränkte Waldbetretungsrecht der Bevölkerung und verwiesen dabei hartnäckig auf deren Mitschuld an den katastrophalen Waldwildschäden. Unentwegt schielten sie dabei auf ihre Freunde in der Politik und erwarteten dementsprechende Gesetze, die der Bevölkerung das Betreten der Natur nicht nur örtlich, sondern insgesamt einschränken.

Solche den Jägerwünschen entsprechende Gesetze waren, bei dem ganzen aus Politikern und Jägern bestehenden Filz, unter irgendwelchen Vorwänden auch zu erwarten und bereits angedacht.

So hatte man z.B. in Rheinland-Pfalz bei den 1997 stattgefundenen Änderungen des Landesjagdgesetzes, mit der Erschaffung des §27a ein den Jägerwünschen schon sehr nahe kommendes Gesetz erlassen. Hier ermächtigte man die untersten Jagdbehörden entsprechende Sperrgebiete für Wanderer, Radfahrer usw. auszuweisen und als Wildschutzgebiete zu bezeichnen. Zwar hat man in der Gesetzesformulierung, um dem Namen „Wildschutzgebiet“ zu entsprechen, der Jagdbehörde es auch ermöglicht, in solchen Bereichen die Jagdausübung einzuschränken. Aber man hat kein generelles Jagdverbot mit diesen für die Bevölkerung geltenden Betretungsverboten verknüpft, so wie dies logischerweise bei Wildschutzgebieten doch hätte sein müssen. Auch, dass man ausgerechnet die doch bisher sehr gut mit den Jägern kooperierenden und teils mit Jägern besetzten unteren Jagdbehörden mit der Ausweisung solcher Gebiete beauftragt hat, zeigt, dass dieses Gesetz in seiner praktischen Anwendung nur den Jägern nützen sollte, damit die noch ungestörter und daher mit noch mehr Lustgewinn ihren perversen Freizeitspaß ausüben können.

Dass es in diesen für die Bevölkerung gesperrten Gebieten weder um den Wildschutz, wie es der Name ausdrückt, noch um den als weiteres Rechtfertigungsargument herangezogenen Waldschutz vor Wildschäden ging, wird einem immer deutlicher bewusst, je mehr man sich mit dieser Thematik befasst. Denn die zur gleichen Zeit in diesem Landesjagdgesetz geänderte Fütterungsregelung zeigt, dass es bei dieser Gesetzesänderung nur um eine Augenwischerei für die Waldbesitzer und um weitere Begünstigungen der bisherigen Hobby-Jagd gehen sollte.

Dem ersten Anschein nach entstand zwar der Eindruck als ginge es nun um einen den Wald wieder vor Wildschäden schützenden und demnach die Forstwirtschaft begünstigenden Gesetzeserlass. Aber die Aufhebung des bisherigen Fütterungsverbots, durch §28 Abs.2 Nr.3 und die nun vom 16. Januar bis 30. April wieder offiziell gestatteten Fütterungen des Schalenwildes diente zweifelsfrei nur dem Ziel einer Erhöhung der Wildbestände durch die Reduzierung der natürlichen Neugeborenensterblichkeit. Das bedeutet: Noch mehr verängstigte Tiere, weiterhin Waldwildschäden und ein ungeminderter sinnloser Jagdspaß und letztlich doch keine wesentliche Besserung der bis dahin noch gebietsweise bestehenden, ganz verheerenden Wildschadensproblematik. Diesen dramatisch Zustand bestätigte dann auch ein darauf folgendes waldbauliches Gutachten. Demnach war das waldbauliche Betriebsziel bei mehr als der Hälfte von allen in Rheinland-Pfalz untersuchten Forstrevieren weiterhin wegen den für die Lust-Jagd überhöhten Schalenwildbeständen gefährdet.

Eindeutig wurden hier Gesetze geschaffen, welche nur die Freiheiten der Bevölkerung eingrenzten, um die Hobby-Jäger bei ihrem sinnlosen Morden in unserer Natur noch weiter zu begünstigen, denn zu auffällig hatte man in diesem Gesetzespassus zugleich auch Jagdstörungen unmissverständlich verboten.

Damit kriminalisierte man seitens der Gesetzgebung die Tierschützer und Naturschützer die derartig unmenschliches Lustmorden an Tieren nicht einfach tatenlos hinnehmen, sondern aus Mitgefühl mit den Tieren unterbinden wollten. Zugleich gewährt man aber damit den aus Zeitvertreib Tiere ermordenden Jägern weitere rechtliche Absicherungen für ihre, das natürliche Arten- und Geschlechtergleichgewicht störende und daher insgesamt sinnlose und pervertierte Jagdausübung.

Aufgrund von noch vielen anderen gesetzlichen Begünstigungen steht in unserer hochzivilisierten Gesellschaft, hinter dem Rücken einer friedlichen und tierlieben Bevölkerung, leider noch immer dieses allein der Steigerung eines angeschlagenen männlichen Selbstwertgefühls oder einer perversen und niedrigsten Instinktbefriedigung dienende und ansonsten sinnlose Ermorden von leidensfähigen Wesen in seiner vollen Blüte.

Es wirkt schockierend, wenn einem einmal so richtig bewusst wird, dass noch heute, wie zu Zeiten des Mittelalters, Tiermorde nur eines sadistischen Nervenkitzels wegen ausgeübt werden dürfen und dass an diesem lebensverachtenden Umgang mit Tieren sogar hochrangige Politiker beteiligt sind. Und dass, unter fadenscheinigen Vorwänden, manche von ihnen ihren Einfluss auf die Gesetzgebung schamlos dazu ausnutzten, um ihr mörderisches Treiben auch noch mit zunehmenden Freiheitseinschränkungen für die Bevölkerung zu begünstigen.

 

Gegenüber der Öffentlichkeit genügte zur Begründung für Betretungs- und Natursportverbote oft schon das einfachste Jägerlatein, um damit alle Tatsachen auf den Kopf zu stellen. Entsprechend der bereits erwähnten und weit verbreiteten Behauptung, bezüglich der angeborenen Menschenscheu, hatte man anfangs nicht nur Wanderer und Pilzsammler, sondern auch alle anderen die Natur aufsuchenden Mitmenschen immer öfter einer Wildverhetzung beschuldigt, an der sie nicht beteiligt waren. Das belegen Untersuchungen, des den Jägern nicht unfreundlich gesinnten Göttinger Wildbiologen Dr. H. Wölfel. Durch seine Arbeit wurden die Spekulationen und zweckgerichteten Behauptungen der Jägerschaft, bezüglich der Wildverhetzung durch Wanderer widerlegt. Dr. Wölfel hatte eigentlich für die Jäger das Tierverhalten bei Drückjagden erforscht und dabei festgestellt, dass Rehe bei Störungen, durch laut bellende Hunde oder auch bei einer weniger lautstark durch das Gelände laufenden Person, kaum davon rennen. Selbst wenn sie wegen einer Störung aus ihrem Versteck hervor kommen müssen, dann rennen sie nicht weg. Sie weichen diesen rechtzeitig hörbaren Störern nur vorsichtig und unbemerkt von Deckung zu Deckung aus, um anschließend in einem Bogen an ihren alten Deckungsplatz zurückzukehren.

Die schon vor Jahren intern in Jägerkreisen (Deutsche Jagdzeitung 1/1994) veröffentlichten Erkenntnisse entlarvten die alten Lügengeschichten der Jäger hinsichtlich der Wildverhetzung durch Wanderer.

Wer nun von den neuerdings anders formulierten Anschuldigungen ausgehend seinen Mitmenschen zumindest eine Teilschuld für die derzeitigen Waldwildschäden anlastet, der übersieht die Tatsache, dass früher auch sehr viele Menschen in Wald und Feld unterwegs waren. Der überwiegende Teil der Landbevölkerung war damals in der Land- und Forstwirtschaft, sogar sechs Tage je Woche und oft bis zur Dunkelheit beruflich tätig. Dazu kamen noch die vielen Beeren- und Pilzsammler. Und dennoch gab es damals weit weniger Waldwildschäden als heute.

Zu bemerken sei dazu, dass es wegen der früher viel geringeren Wilddichte nicht zu dem überhöhten Beschuss wie in unserer heutigen Zeit kommen konnte. Die Tiere lebten somit unter geringerem Jagddruck und waren deshalb, im Gegensatz zu heute, weniger ängstlich und daher noch tagaktive Tiere gewesen. Damals konnte man auch zur Tageszeit, oft  sogar nicht weit von den auf den Wiesen arbeiteten Bauern, die Rehe bei der Futteraufnahme beobachten.

 

Dessen ungeachtet bemühte man sich weiterhin mit dem Gerede, bezüglich einer angeblich bei Wildtieren angeborenen Menschenscheu, um eine zunehmende Einsicht bei der Bevölkerung für weitere Wildruhezonen und Teilsperrungen.

Diese Behauptung mit der angeborenen Menschenscheu geisterte auch noch lange und unwidersprochen durch die Medien. Ihre häufige Wiederholung bewirkte, dass diese Darstellung der Jäger von vielen Menschen einfach wie eine Tatsache hingenommen wurde. Selbst Kinder wussten es schon aus dem Schulunterricht, dass Wildtiere mit einer angeborenen Menschenscheu behaftet sind und dass Wanderer im Wald stören.

Wie eine Speerspitze trieb man diese Hirnwäsche bezüglich der angeborenen Menschenscheu, unter Hinweis auf die notwendige Wildschadensverhütung oder unter dem Tarnmantel des Naturschutzes bzw. Artenschutzes, für immer mehr Verbote gegen seine Mitmenschen voran.

Da kamen dann auch wissenschaftliche Untersuchungen, wie z.B. die von Prof. P. Ingold von der Universität Bern, bezüglich der Reaktionen von Wildtieren gegenüber einigen in der Natur stattfindenden Freizeittätigkeiten, ganz gelegen.

Dass man sich, hinsichtlich der Störungen wild lebender Tiere, dabei aber ausgerechnet nur Drachensegler, Wanderer und Radfahrer als angebliche Ruhestörer aussuchte und in diesem Zusammenhang die Jagd wieder einmal völlig unbehelligt ließ, dazu noch diese nur einseitigen und dazu augenfälligen Berichterstattungen solcher Untersuchungsergebnisse in den Medien, das lässt erahnen vor welchem Hintergrund von Neigungen und Beziehungen sich diese wissenschaftlichen Untersuchungen abspielten.

Bei derartigen und allen den anderen öffentlichen Anschuldigungen der Bevölkerung, mit Berufung auf angeblich wissenschaftliche Grundlagen, wäre es aber notwendig gewesen, die bereits durch die Jagd verursachte Verängstigung der Wildtiere mit zu berücksichtigen und auch darauf hinzuweisen, dass die Jagd primär die Ursache dieser bei den Tieren festgestellten Menschenscheu ist. Denn durch die jagdlich bedingte Verängstigung wird das Reagieren der Tiere, bei weiteren Begegnungen mit Menschen oder mit neuen, den Tieren noch unbekannten Objekten, grundlegend beeinflusst.

Jedenfalls kam man mit derartig veröffentlichter Unvollständigkeit zu weiteren publizistisch ausgeschlachteten spektakulären Ergebnissen, mit denen man weiterhin mit wissenschaftlichem Anschein der Bevölkerung ihre Naturschädlichkeit nachzuweisen versuchte.

Solche Ablenkungsversuche von der eigentlichen Ursache dieser unter Wildtieren herrschenden Menschenscheu, mit Schuldzuweisung auf die Bevölkerung, ist jedoch nicht hinnehmbar.

Auch die eingerichteten Sperrungen konnten die Scheu der Wildtiere nicht mindern, solange die Jagd darin ausgeübt wurde.

Hätte man wirklich Wildruhezonen einrichten wollen, die ihren Namen zurecht verdienen, dann hätte man dort nicht den Zutritt für Wanderer, sondern nur für Jäger einschränken müssen, und das aber ganz konsequent!

In solchen Gebieten ohne Jagd würden dann auch die Waldwildschäden abnehmen und das sogar bei massenhaft vielen Wanderern. Aber um solches, bei allen den vielen über die Medien erfolgten Irreführungen, noch zu verstehen, muss man sich das ganze Problem mit der Menschenscheu der Wildtiere zuerst einmal noch etwas genauer ansehen.

 

Gäbe es tatsächlich eine angeborene spezielle Menschenscheu, wie wäre es dann erklärbar, dass ein von Menschen aufgezogenes Reh oder Wildschwein, genau so anhänglich wie ein Haushund wird? Durch eine tatsächlich angeborene Menschenscheu müsste hingegen eine gewisse erkennbare Distanzierung, die eine Zähmung erschwert, besonders bei Jungtieren gegenüber uns Menschen vorhanden sein. Derartiges ist aber bei diesen erwähnten Tierarten nicht erkennbar, wenn die Tiere bereits sehr jung von Menschen aufgenommen werden. Dennoch bezieht sich der Vorwurf der Wildverhetzung mit Hinweis auf eine solche angeborene Menschenscheu vorwiegend im Hinblick auf diese Tiere.

Auch ein reflexartiges Zurückweichen und manches Fliehen der Tiere darf man nicht als Menschenscheu betrachten, da solche Reflexe nicht nur bei Tieren, sondern auch bei uns Menschen gegen alle sich plötzlich nähernden Erscheinungen wirken, welche nicht sofort klar als ungefährlich erkannt werden können. Z.B. Unerwartete ruckartige Annäherung oder Annäherung aus einem Winkel der nicht im vollen Sichtbereich liegt. Dieses Erschrecken kann bei sehr verängstigten Tieren auch deren Flucht auslösen.

Selbst bei manchen scheuen Verhaltensweisen muss man davon ausgehen, dass es sich hier nicht generell um eine Menschenscheu handelt, sondern dass allein der Größenunterschied für diese bedrohlich wirken kann und dass in dem Fall nicht nur Menschen, sondern auch alle anderen größeren fremden Wesen deren Angst auslösen. Eine spezielle Scheu vor Menschen kann man damit jedenfalls nicht begründen. Und selbst dann, wenn bei Jungtieren eine Scheu vor Menschen tatsächlich zu beobachten wäre, dann ist die nicht angeboren, sondern beruht darauf, dass diese Jungtiere in ihrem Verhalten bereits vieles von ihren Eltern übernommen haben und eine Scheu vor anderen Wesen von verängstigten Elterntieren übertragen wurde, aber nicht angeboren ist.

Dass eine Menschenscheu nicht angeboren ist, bestätigte mir auch eine Beobachtung an ausgewilderten und vermutlich wegen negativer Erlebnisse noch menschenscheuen Gänsen an einem Badesee. Während ihr halbwüchsiger Nachwuchs, wegen gebotener Futterreize, sich unbekümmert zu den Badegästen ganz hin getraute, blieben die Elterntiere weiterhin auf größerer Distanz und versuchten ihren Nachwuchs von den Menschen wieder weg zu locken. Die Jungtiere ließen sich von den Lockrufen jedoch nicht beeindrucken und kümmerten sich nur um das zwischen den Badegästen herumliegende Futter.

Bei einer angeborenen Menschenscheu dürften derartige Beobachtungen allerdings nicht möglich sein.

Auch bei der Scheu der Wildtiere vor Menschen, in einem von Menschen unbewohnten und unbejagten Gebiet, handelt es sich nicht um eine angeborene spezielle Menschenscheu, sondern um ein natürliches Misstrauen vor allen unbekannten Wesen, besonders wenn diese groß sind und somit gefährlich wirken.

Müssen die Tiere schlechte Erfahrungen mit solchen unbekannten Wesen machen, z.B. mit Jägern, so werden sie ihre Distanz entsprechend vergrößern. Dieses Verhalten ist aber keine natürlich veranlagte Menschenscheu, sondern eine ganz normale Verhaltensanpassung gegenüber einer erkannten Gefahr. Die Tiere lernen recht schnell, eine Gefahr abzuschätzen und ihr Verhalten danach auszurichten. Dabei stellt sich mit der Zeit auch ein differenzierteres Ansprechen auf Gefahrenreize ein, um unnötig kräftezehrendes Fluchtverhalten oder Störungen bei der Futteraufnahme zu vermeiden. Das bestätige sich auch bei den Untersuchungen von Dr. Wölfel. Auch Konrad Lorenz hat sich schon früher intensiv mit diesem Thema befasst und dazu umfangreiche Forschungsarbeiten geleistet.

Ein vorläufig vorsichtiges Distanzieren gegenüber unbekannten, aber wegen ihrer Größe bedrohlich wirkenden Wesen, kann auch bald einem weniger misstrauischen Verhalten weichen. Teils durch Neugier getrieben oder durch Futterreize gelockt, riskieren viele Tiere immer wieder etwas geminderte Distanzen. Bemerken sie mit der Zeit, dass ihnen keine Gefahr droht, dann werden sie sich zukünftig auch weniger stören lassen. Sie können sogar nach einer gewissen Erfahrungszeit die Nähe zu den Neulingen suchen, wenn sie bemerken, dass die ihnen gewisse Vorteile bieten.

Dieses Lern- und Anpassungsverhalten der Tiere wurde inzwischen nochmals durch eine wissenschaftliche Grundlagenstudie von der Wildbiologischen Gesellschaft in München bestätigt.

Der Deutsche-Drachenfliegerverband gab eine Studie in Auftrag, um untersuchen zu lassen, wie die Wildtiere auf diese drachenförmigen Segelflugzeuge reagieren.

Dabei wurde folgendes Verhalten der Wildtiere in schutzlosem Gelände beobachtet: Gemächliches Ausweichen bis hin zu Fluchtreaktionen in deckungsreicheres Gelände zeigten nur die Tiere, welchen derartig große Vögel noch völlig fremd waren, besonders wenn diese allzu plötzlich an Hangkanten auftauchten. Dort wo den Wildtieren eine gewisse Lernzeit zur Gewöhnung zugestanden wurde, wo also ein Gebiet häufiger überflogen wurde, gewöhnten sich die Wildtiere derart an diese neuen Gebilde, dass aufgrund ausbleibender Negativ-Erfahrungen schon bald in ihrem Verhalten keine Beeinflussung mehr erkennbar war.

Segelflieger und Drachenflieger konnten mit Wildvögeln ähnliche Erfahrungen machen.

Demnach blieben die ebenfalls segelfliegenden Bussarde, Adler und in Spanien auch die Geier, in den von solchen Flugzeugen häufiger beflogenen Gebieten nur in der Anfangsphase auf Distanz zu ihren wesentlich größeren und damit bedrohlich erscheinenden Konkurrenten. Aber schon sehr bald hatten sie sich an die neuen Flugkollegen gewöhnt und inzwischen weichen sie in häufig beflogenen Regionen den als harmlos erkannten größeren Mitfliegern nicht mehr aus und dulden Distanzen wie unter ihresgleichen. Dabei nähern sie sich diesen Fliegern auch von selbst. Auch erkennen diese Tiere, nach dem Durchqueren größerer Abwindgebiete, bei der Suche nach Aufwinden, die kreisenden menschlichen Flieger als Thermikanzeiger und fliegen daher gelegentlich auch zielstrebig zu diesen hin, um mit ihnen ungestört einige Kreise zu ziehen. Respektlos reduzieren sie dabei manchmal ihre Distanz zu den Flugzeugen bis auf nur noch wenige Meter.

Nur in der Zeit, wenn sie noch flugunfähigen Nachwuchs haben, endet diese Partnerschaft im Umkreis von einigen hundert Metern um ihren Horst. Wer sich nicht daran hält den fliegen sie lautstark und bedrohlich nahe an und wenn er nicht abdreht, dann greifen sie an, fetzen mit ihren Krallen Löcher in die Segel der bunten Flieger, bis diese gerne im eigenen Interesse für die Zeit der Nachwuchsaufzucht respektvoll den geforderten Abstand halten. Auch das zeigt, dass sie inzwischen weder Angst noch eine daraus herrührende Scheu vor diesen Fluggeräten haben.

Ein derartiges Zusammenwirken, zwischen Wildvögeln und Menschen, funktioniert jedoch am besten mit motorlosen, segelnden Flugzeugen. Gegenüber sich nähernden Motorflugzeugen halten die Tiere größere Distanzen. Dies könnte von dem Lärm herrühren, der solche Flieger wesentlich bedrohlicher wirken lässt. Es könnte auch davon kommen, dass Motorflieger nicht so lange und häufig wie Segelflieger sich in bestimmten thermisch aktiven Bereichen des Luftraumes aufhalten, sondern nur gelegentlich schnell durchfliegen, so dass den Vögeln die Zeit und Gelegenheit fehlt, um Vertrauen durch Erfahrungswerte zu bilden. Vermutlich ist es die Kombination von beidem, aber in erster Linie sind doch die fehlenden Erfahrungswerte der Grund für die Distanzwahrung. Das bestätigen auch Beobachtungen im Winter, wenn man sieht wie einige dieser Vögel, vom Lärm der Autos unbeeindruckt, sehr nahe an den Straßen sitzen. Hier hat scheinbar der Futterreiz überfahrener Tiere sie zur Annäherung verlockt und Erfahrungswerte ihre Angst und damit auch die Scheu vor den lärmenden Fahrzeugen reduziert.

Um ein solches Lern- und Anpassungsverhalten wild lebender Tiere und ihre Annäherungen zu begünstigen, bedarf es nicht unbedingt der Futterreize. Auch deren Neugier oder zufällige Begegnungen verschaffen den Tieren Erfahrungswerte die deren Distanzverhalten verändern können. Dabei lernen diese auch genau zu differenzieren, wann ein Wesen für sie gefährlich ist und wann nicht. Auch darüber gibt es genügend Tierbeobachtungen und Forschungsarbeiten von angesehenen Wissenschaftlern, wie z.B. auch wieder von Konrad Lorenz.

Derartiges Verhalten war auch bei Rehwild zu beobachten. Ich hatte den Eindruck, dass auch diese Tiere zwischen solchen für sie gefährlichen und ungefährlichen Menschen unterscheiden können. Über eine halbe Stunde lang beobachtete ich in einer Vollmondnacht drei Tiere, die immer wieder Rufe ausstoßend, sich mit weniger als hundert Meter Distanz, also recht nahe, zu einer mit lauter Musik im Wald feiernden und singenden Jugendgruppe aufhielten. Möglicherweise hatten diese Tiere inzwischen gelernt, dass Menschen in Verbindung mit Musik, dazu an diesem des öfteren zum Feiern genutzten Ort, für sie keine Gefahr bedeuten.

Nochmals extra erwähnenswert bei dieser Beobachtung mit dem Rehwild, in der Nähe der Jugendgruppe, war jedoch ihr nicht mehr heimliches, sondern lautstarkes und dementsprechend deutlich angstfreies Verhalten!

Auch die bereits erwähnten Untersuchungen von Dr. H. Wölfel und seine Erkenntnisse hinsichtlich des vorsichtigen und gar nicht panischen Verhaltens dieser Tiere gegenüber den sich nur räuspernd durch das Gelände bewegenden Treibern zeigen, dass die Tiere weniger Angst vor rechtzeitig erkennbaren oder hörbaren Menschen haben, als vor den lautlos und unbeweglich lauernden todbringenden Schützen.

 

Der Eindruck, dass es tatsächlich gar keine angeborene spezielle Menschenscheu, sondern nur eine vorläufige Angst vor unbekannten und von ihrem Erscheinungsbild her bedrohlich wirkenden Wesen gibt und ansonsten alles weitere Verhalten zum einen wegen einem Nachahmungstrieb bezüglich dem Verhalten der Eltern und zum anderen von eigenen Lebenserfahrungen geprägt wird, erfasst einen um so mehr, je öfter man diesbezüglich die Tiere beobachtet.

Begibt man sich in eines jener Gebiete in denen die Jagd verboten ist, so kann man dort eindeutig sehen, dass größere Wildtiere kaum ein nennenswertes Distanzverhalten gegenüber Menschen erkennen lassen und dass eine angeborene spezielle Menschenscheu dort nicht existiert.

Beispielsweise auf den Galapagos-Inseln, einem teilweise jagdfreien Naturparadies, sieht man noch heute wie unbejagte Wildtiere Menschen ganz nah an sich heran lassen.

Auch in anderen Naturparks in denen die Tiere nicht bejagt werden, kann man ähnliches Verhalten beobachten. So z.B. in den Alpen, im Naturpark Gran Paradieso, war es ohne weiteres möglich, die ansonsten äußerst scheuen Steinböcke aus nur drei Meter Abstand zu fotografieren. Diese wild lebenden Tiere erwecken den Eindruck, als ob nur das Jagdverbot dafür ausreichend war, dass bereits einige Tiere nach einer gewissen Erfahrungszeit gegenüber Menschen schon so zutraulich wie Almkühe werden konnten.

Untersuchungen an Weißwedelhirschen im Staate New York belegen, dass diese Tiere in Jagdgebieten die doppelte Fluchtdistanz als in Schutzgebieten einhalten. Da wo die Jagd ganz verboten ist lassen diese Wildtiere Menschen sogar ganz nahe an sich heran. Ähnliches Verhalten zeigen dort auch die Rothirsche und auch bei anderen Tierarten wurde ein derartiges Verhalten festgestellt.

Wer so weit nicht fahren will, der kann auch in seinem nächsten Umfeld ähnlich zutrauliches Verhalten an Wildtieren beobachten z.B. im Winter am Vogelfutterhäuschen vor dem Fenster. Oder an manchen Badeseen. Aber auch in Parkanlagen bieten sich passende Gelegenheiten. Auch sind in den Städten, zwischen den Fußgängern futtersuchend am Boden herumtrippelnde, wild lebende Tauben und in Parks futterbettelnde Wildenten und Schwäne keine Seltenheit. Auch verhalten sich manche Eichhörnchen in Parkanlagen weniger scheu als im Wald.

Dies zeigt nochmals, dass Wildtiere ohne Bejagung, eventuell noch durch Futterreize begünstigt, gegenüber uns Menschen ihre Scheu wieder verlieren. Es wird damit nochmals erkenntlich, dass die Jagdausübung die Angst der Wildtiere vor uns Menschen und damit auch deren Flucht- und Distanzverhalten, uns gegenüber, sehr negativ beeinflusst hat und eine spezielle Menschenscheu bei den Tieren nicht angeboren, sondern nur durch die Jagd entstanden ist.

 

Wenn in unbejagten Gebieten auch manche Tierarten recht bald sorglos unsere Nähe dulden, so gibt es aber auch andere scheuere Tierarten. Deren distanzierteres Verhalten liegt möglicherweise darin begründet, dass diese kleiner sind und wir daher für sie größer und damit bedrohlicher wirken. Nachteilig ist auch, wenn diese einer starken Bejagung durch natürliche Feinde ausgesetzt und daher sehr ängstlich und vorsichtig sind. Oder sie werden als Zugvögel außerhalb unseres Landes durch Menschen bejagt und sind von solch negativ prägenden Erlebnissen durch diese Jäger belastet.

Bei den hier überwinternden Vögeln, wie z.B. Rotschwänzchen, Rotkelchen oder Amsel, kann man hingegen in manchen Fällen fast schon ein zutrauliches Verhalten beobachten. Als Gartenbesitzer erlebt man bei Umgrabearbeiten, wegen des Futterreizes durch Würmer und Insektenlarven in der frisch umgegrabenen Erde, die Annäherungen solcher Vögel am Boden bis auf Distanzen von manchmal weniger als zwei Meter.

Das Fluchtverhalten von Wildtieren wird aber nicht nur von äußeren Einflüssen und Erfahrungswerten geprägt, sondern zeitweise auch durch innere Antriebe beeinflusst. Solches zeigt sich z.B. an den in offenen Nestern brütenden Vögeln. Wegen ihres Brutgeschäfts werden diese nicht so schnell flüchtig, wie das ansonsten der Fall wäre. Dieses Verhalten ist zu beobachten, wenn man bei Arbeiten am Haus zufällig einem brütenden Vogel ungewöhnlich nahe kommt. Er bleibt regungslos auf dem Nest sitzen, während er andernfalls wegen der bedrohlichen Annäherung schon längst weggeflogen wäre. Selbst bei einem Überfliegen durch einen Raubvogel bleiben solche Vögel noch regungslos auf ihrem Gelege.

Wenn auch Vögel während der Brutzeit auf dem Nest weniger zur Flucht neigen, so bedeutet das nicht, dass sie auch danach mit geringer Distanz zu anderen Tieren oder zu Menschen auskommen. Im Gegenteil: Besonders Elterntiere brauchen zum Schutz ihrer weniger verteidigungs- oder fluchtbefähigten Jungtiere größere Distanzen als sonst. Dabei bemühen sich die Muttertiere in der Regel selbst um den nötigen Abstand, welchen sie für angemessen halten.

Geht es gar um die Verteidigung oder den Schutz des eigenen Nachwuchses, so verändert sich das Verhalten der Tiere oft ganz beachtlich. Manche von ihnen wachsen dabei über sich hinaus, indem sie gegenüber dem Störer aggressiv und dadurch mit stark geminderter oder gar ganz ausgeschalteter Angst vorgehen z.B. Wildschweine sind durch derartig auffälliges Verhalten gegenüber Menschen besonders bekannt geworden. Aber auch manche Vögel mit Nesthockern greifen sogar größere Wesen an, um diese in die Flucht zu jagen. Oder sie stellen sich verletzt und locken so das größere Tier vom Nest weg. Dieses Weglocken gibt es nicht nur bei Vögeln. Auch Rehe mit noch ganz jungem Nachwuchs zeigen ein solches Verhalten.

Dennoch ist bekannt, dass Wildtierarten die mit Nachwuchs normalerweise eher zurückhaltend leben, nicht immer zwischen ihrem Nachwuchs und uns Menschen eine vergrößerte Distanz einhalten. Dieses Verhalten hängt aber ganz entscheidend von deren Lebenserfahrung mit uns Menschen ab.

Derartiges konnte ich an einem Badesee beobachten. In den Jahren als dort noch gejagt wurde, da hielten die Blässhühner noch Mindestdistanzen von mehr als 50 Meter. Mit kleinem Nachwuchs waren sie nie zu sehen und nur im Schilf versteckt. Nach mehrjähriger Jagdruhe sah ich sogar zwei Blässhühner wie sie sich, mitsamt kleinem Nachwuchs, in nur acht Meter Entfernung zu den Badegästen ans unbewachsene Kiesufer begaben.  Auch konnte ich am gleichen See zwei wilden Schwänen dabei zusehen, wie sie sich mit ihrem halbwüchsigen Nachwuchs unter die Badegäste mischten und dabei nicht nur um Futter bettelnd auf Menschen zugingen, sondern das Futter aus deren Händen raubten. Drohend fauchend näherten sich die Elterntiere besonders Kindern, aber auch Erwachsenen, die etwas Essbares in Händen hielten, um es ihnen wegzunehmen. Bemerkenswert war bei diesen Tieren, dass sie ihrem Nachwuchs damit zeigten, wie ungefährlich und nützlich diese großen Menschen sind und wie respektlos man so manchen Happen von ihnen ergattern kann.

 

Nicht nur aus wissenschaftlichen Arbeiten, sondern auch an solchen selbst beobachtbaren Beispielen kann man erkennen, wie sehr Distanzwahrung und Fluchtverhalten der Wildtiere von deren bisherigen Lebenserfahrungen und inneren Antrieben abhängig ist. Es ist eindeutig ersichtlich, dass die Tiere sich entsprechend ihrer Lebenserfahrung an uns Menschen gewöhnen und bei entsprechend günstigen Voraussetzungen auch mitsamt ihren Jungtieren, ohne nennenswerte Distanzen und dennoch ohne Stress mit uns leben können. Alle ohne schlechte Erlebnisse verlaufende Begegnungen mit Menschen, sei es durch Zufall oder Futterreize begünstigt, verschaffen ihnen die dazu erforderlichen Erfahrungswerte.

 

Bei der derzeitigen beruflichen Überforderung vieler Menschen und einer andererseits hohen Arbeitslosigkeit hat die Erholung oder Beschäftigung in der Natur für uns einen sehr hohen Stellenwert bezüglich unserer Gesundheit und Lebensqualität erlangt.

Zum anderen haben wir durch Industrialisierung, Intensivlandwirtschaft, Erweiterung von Wohngebieten und Verkehrswegebau die Natur auf kleine Restbestände bereits stark reduziert, so dass in unserem dicht besiedelten Umfeld ein erhöhter Besucherandrang auf diese Naturreste besteht. Für die Wildtiere muss dies allerdings nicht zwangsläufig mit mehr Unruhe und Stress verbunden sein. Die bisherigen Beispiele lassen erkennen, dass sehr viele in der Natur Erholung suchende Menschen, die Wildtiere und die Forstwirtschaft keine unvereinbaren Gegensätze mehr sind, sobald man die Jagd einstellt.

Um zukünftig weniger Waldwildschäden durch ein ungestörtes Leben der Wildtiere auch zusammen mit vielen Menschen zu ermöglichen, müssen die derzeit oft sehr stark auf jägerische Belange eingehenden Naturschutzregelungen korrigiert werden. Auch wenn die Abschaffung der Jagd die wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass die Scheu der Tiere bzw. deren Angst vor uns Menschen abnimmt, so bleibt dennoch die Erkenntnis aufgrund von Beobachtungen und Forschungsarbeiten, dass viele friedliche Menschen in der Natur die Scheu der Wildtiere mindern. Je mehr positiv verlaufende Tier-Mensch-Begegnungen zustande kommen, desto schneller lernen die Tiere, dass wir Menschen für sie unter bestimmten Voraussetzungen auch ungefährlich sind. Die neuen nicht mehr negativen Erfahrungen tragen so zu einem schnelleren Abbau von deren Menschenscheu bei. Wenn die Wildtiere ihre Menschenscheu wieder weitgehend verlieren sollen, dann sind solche friedlichen Begegnungen mit uns Menschen wichtig.

Zeitweise geschützte kleinere Rückzugsgebiete bleiben dennoch für die Zeit der Nachwuchsaufzucht sinnvolle Einrichtungen. Solche Rückzugbereiche ergeben sich oft ohne extra Betretungsverbote, allein dadurch, dass unser Naturbesuch im Regelfall nicht querfeldein, sondern auf angelegten Wegen erfolgt. Selbst Natursportbetreibende wie z.B. Kletterer nützen in der Regel immer gleiche Kletterwege, so dass auch hier im Normalfall genügend unberührter Raum für die Tiere bleibt.

Besonders wenn zwischen Wanderwegen genügend Hecken und sonstiges Gestrüpp zur Deckung vorhandenen ist, können auch Nachwuchs führende Wildtiere bei stark reduzierter Distanz noch sehr gut mit vielen Menschen leben.

Auch mangelt es nicht an der Einsicht für zeitweise Sperrungen, um die Tiere bei ihrer Nachwuchsaufzucht weniger zu stören. Diesbezüglich positive Erfahrungen gibt es mit vielen Natursportverbänden, die gebietsweise, wegen der Brutzeit von Vögeln, mehrere Monate lang ihre Aktivitäten einstellten.

Die Einrichtung von großflächigen echten Wildruhezonen mit Betretungsverboten, in denen dann zwar auch den Jägern der Zutritt verwehrt bleibt, bieten keine optimale Problemlösung, denn hier werden Tiere und Menschen unnötig voneinander getrennt, anstatt wie in einer Parkanlage aneinander gewöhnt.

Herkömmliche nach jägerischer Interessenslage ausgewiesene Wildruhezonen sind hingegen nichts anderes als nur unsinnige Freiheitseinschränkungen und Schikanen für die Bevölkerung, von denen nicht die Tiere, sondern allein die Hobby-Jäger profitieren.

Die bisherigen Bemühungen und Erfolge der Jägerschaft mit denen sie die ursächlich von ihnen selbst erzeugte Scheu der Wildtiere, auch noch als ein Argument, um Freiheitseinschränkungen für die gesamte Bevölkerung zu erwirken, ins Feld führten, nur um ihr Spaß-Morden an Tieren noch ausgiebiger und ungestörter betreiben zu können, bezeugen letztlich einmal mehr, auf welch niederträchtige Weise menschliche Intelligenz missbrauchbar ist. Dass dies alles in unserem demokratischen Staat, zum Nachteil der gesamten Bevölkerung, auch noch von ranghöchsten Politikern jahrzehntelang gefördert und bis heute noch niemand zur Rechenschaft gezogen wurde, ist aber ein ungeheuerlicher politischer Skandal!

 

 

Durch die Jagd wird den Wildtieren

 

die Menschenscheu nur anerzogen.

 

 

 

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