Eine merkwürdige Art der Wildbestandsregulierung

 

 

Viele Menschen leben mit der Vorstellung, dass nach der Ausrottung der größeren Raubtiere in unserem Land, nun die Jäger an deren Stelle dafür sorgen müssen, dass sich die Tierbestände nicht ungebremst vermehren können. Manche glauben es auch, was ihnen seitens der Jäger so gerne verkündet wird. Und das ist: Eine Natur ohne Jagd würde zwangsläufig mit Tieren überquellen und sie, die Jäger, müssen solches verhindern! Dies klingt im ersten Moment auch ganz plausibel, denn immerhin erlegen die Jäger doch sehr viele Tiere und reduzieren damit zwangsläufig auch, nach dieser einfachen Logik, deren Bestandsdichte. Auch wenn diese Bestände inzwischen unnatürlich hoch sind, so wäre das Tiervorkommen, bei einer solchen Betrachtungsweise, ohne Jagd noch viel höher. Mancher sieht deshalb in der Jagdausübung einen Sinn und hält diese auch noch für eine unverzichtbare Notwendigkeit.

Ganz richtig ist diese Ansicht jedoch nicht. Um dies zu erkennen muss man die Jagd-Praxis daher schon etwas genauer unter die Lupe nehmen.

Beim Niederwild greift dieses jägerische Argument deshalb nicht, da die Raubtiere in diesem Bereich noch nicht ausgerottet wurden und daher deren natürliche Regulationsfunktion noch vorhanden und menschliches Eingreifen nicht notwendig ist.

Die Hobby-Jäger verursachen mit ihrer Niederwildjagd und Hege absichtlich schwerwiegende Störungen in deren Artengleichgewicht, um erfolgreicher jagen zu können. Intensiv bekämpfen sie die Raubtiere, besonders den Fuchs. Damit, aber auch mit der Fütterung ihrer aus Asien stammenden und zur Bereicherung der Jagd bei uns eingebürgerten Fasanen und deren Lebensraumverbesserung, versuchen sie ein Ansteigen dieser und anderer Beutetierbestände zu erzielen. Auf diese Weise stört man hier ganz gezielt das natürliche Gleichgewicht und fördert dazu noch fremdländische Tierarten in unserer Natur, nur um anschließend eine so erhoffte größere Menge Friedwild mit einer Mordsgaudi abzuballern. Und damit das alles noch mehr Freude macht, investiert man oft zusätzlich Geld in Zuchttiere, z.B. in Enten, Fasane und Rebhühner, die dann zur Anreicherung der frei lebenden Tierbestände noch rechtzeitig vor der großen Jagdgaudi freigesetzt werden. Eindeutig fehlt hier jegliche Notwendigkeit und jeglicher Sinn, der eine solche Jagd rechtfertigen könnte. Auch mit einem Schutz der Land- und Forstwirtschaft hat dies nichts mehr zu tun. Diese Art der Jagd und Hege dient auch nicht dem Natur- und Artenschutz, sondern nur noch dem Schießspaß und einem perversen Erfolgserlebnis, einschließlich der freudigen Genugtuung, welche viele Jäger ganz offensichtlich beim Töten von Tieren empfinden.

 

Erst mit Blick auf die größeren Wildtiere könnte man dann für die jägerischen Eingriffe doch noch, wegen fehlender Bären und Wölfe, einen Sinn erkennen. Aber auch hier kommt man mit zweckmäßigem und logischem Denken nicht zum eigentlichen Ergebnis, da die Hobby-Jäger völlig andere Bestrebungen im Sinn haben, als ein Normalbürger von ehrlichen und verantwortungsvollen Menschen erwarten würde. Denn auch in diesem Bereich der Jagd treiben die Jäger ein derartig naturschädliches und von höchsten Behördenstellen gedecktes Unwesen, das jemand der die Hintergründe nicht kennt, für unwahrscheinlich hält.

Zuerst sei hier vorweg dazu erwähnt, dass auch größere Raubtiere nur selten eine nennenswerte Bestandsregulierung betreiben konnten, sondern dass sich deren Jagderfolge hauptsächlich nur auf alte, kranke oder schwächliche Tiere beschränkten. Damit konnten sie natürlicherweise nur eine Auslesefunktion zur Gesunderhaltung ihrer Beutetierbestände und keine nennenswerte Reduzierungsaufgabe erfüllen. Zur Bestandsregulierung verfügt die Natur über ganz andere Möglichkeiten, die auch heute noch uneingeschränkt funktionieren. Daher ist die Jagd bezüglich der fehlenden  Bären und Wölfe auch bei den größeren Tieren keine Notwendigkeit, sondern nur Hobby und Freizeitspaß! Es ist ein sinnloses Ermorden von leidensfähigen Wesen, für das kein zivilisierter Mensch noch Verständnis aufbringen könnte, wenn er nicht durch Irreführungen an deren unabdingbare Notwendigkeit glauben würde.

Durch geschickte Wortwahl und nicht ohne irreführende Absicht,  suggeriert man der in die jägerischen Geheimnisse nicht eingeweihten Bevölkerung, ganz besonders mit der Bezeichnung „Nachhaltige und schonende Jagd“, dass man sich verantwortungsvoll und tierschutzgerecht bei der Jagd verhält und nicht mehr Tiere tötet, als es aus einer Notwenigkeit heraus sein muss.

So, aus dieser irreführenden Perspektive gesehen, könnte man die Jäger, die demnach nicht mehr rücksichtslos die Tiere abknallen und diese auch noch füttern, sogar als Tierschützer, nur noch bewundern, aber nicht mehr kritisieren.

Aber Achtung, aufgepasst! Hinter dieser tierfreundlich anmutenden Jagdausrichtung verbirgt sich das schlimmste und auch noch unnötigste Blutvergießen, das jemals durch die Jagd verursacht wurde. Man erschießt dabei jährlich zwar nicht mehr Tiere, als der Gesamtbestand von selbst wieder ausgleichen kann. Aber – um seinen größtmöglichsten Jagdspaß zu erreichen hält man sich sehr hohe Wildtierbestände. Denn je höher die Tierbestände sind, desto größer ist dann auch die jährliche Anzahl der Geburten und dementsprechend mehr Tiere kann man dann Jahr für Jahr abballern, ohne dass der Bestand kleiner wird.

Ein ganz wichtiger Bestandteil dieser Taktik ist bei den polygam lebenden Tieren (dazu gehören z.B. die Rehe und das Rotwild) die geschlechtsorientierte Auswahljagd auf möglichst nur männliche Tiere.

Weibliche Tiere werden bei dieser Jagd weitgehend verschont.

Diese Feststellung soll jetzt niemanden auf den Gedanken bringen, dass ich dafür plädiere, auch noch die weiblichen Tiere zu erschießen, denn Geburtenregulierung ginge, wenn man es wollte, auch ohne das Erschießen von gebärfähigen Tieren. Ich will hier nur die Zusammenhänge zeigen, die uns die Gegensätze erkennen lassen, zwischen den in der Öffentlichkeit verbreiteten Ansichten und der eigentlichen Jagdpraxis.

Denn je höher die jagdlich verschonten weiblichen Tierbestände sind, desto mehr Nachwuchs gibt es im Frühjahr und desto größere Schießfreuden im Herbst.

Durch die Neugeburten nahm aber auch die Anzahl der weiblichen Tiere zu und da man diese jagdlich verschonte führte dies dazu, dass inzwischen Jahr für Jahr immer mehr weibliche Tiere für immer mehr Nachwuchs sorgten. So konnten sich die Jäger an immer höher ansteigenden Abschuss-Ergebnissen erfreuen und dennoch eine deutliche Bestandszunahme bei diesen Tierarten erkennen.

Demnach schont man bei der Jagd auf Reh- und Rotwild und bei noch manche anderen Tierarten die weiblichen Tiere nicht nur, weil sie zur Trophäensammlung nichts beitragen, sondern damit diese noch möglichst lange und in möglichst großer Zahl als Kanonenfutterlieferanten nützlich sind.

Bei dem in Rotten lebenden Schwarzwild funktioniert das alles noch etwas besser und noch etwas anders. Zwar ist auch hier die Jagd auf stattliche Keiler bezüglich einer Bestandsreduzierung genauso sinnlos wie  die gesamte Jagd auf männliche Tiere bei allen anderen Tierarten, da nur wenige überlebende männliche Tiere zur Befruchtung aller weiblichen Tiere völlig ausreichen. Doch bei den Wildschweinen wird die Rotte von einer Leitbache geführt. In der Regel wird nur diese trächtig, während die  jüngeren weiblichen Tiere ungedeckt bleiben. Sobald aber der Jäger diese Leitbache abschießt kommt es in der Rotte zum Paarungs-Chaos, mit der Folge, dass nun auch die anderen weiblichen Tiere trächtig werden. Und das nicht wie die Leitbache nur einmal im Jahr, sondern sogar zweimal! Das Ergebnis eines solchen Leitbachenabschusses ist eine jährlich bis auf das Fünffache erhöhte Geburtenzahl!

Wer wundert sich da noch über die ausufernden Wildschweinebestände und wer glaubt da immer noch an die Hobby-Jagd als die Problemlösung?

Kein herkömmlicher Hobby-Jäger hatte mit seiner Jagdlust und in Anbetracht solcher Möglichkeiten an einer Niedrighaltung der Wildbestände ein echtes Interesse. Nur sehr hohe Tiervorkommen und somit jährlich zahlreiche Geburten und dementsprechend hohe Abschusszahlen, ohne eigentliche Bestandsminderung, war bisher besonders in Waldgebieten ihr Ziel. Denn hohe Wildtierbestände sind ein Garant dafür, dass diesen Hobby-Jägern während ihrer oft stark begrenzten Freizeit viel mehr Tiere vor die Flinte laufen als das andernfalls der Fall wäre. Das wiederum erhöht ganz beachtlich ihre Chance, dann auch zum Schuss zu kommen und damit aber auch den Spaß an ihrem Hobby.

Das Interesse der Hobby-Jäger ist, und das ganz besonders bei vertraglich pauschal geregelten Wildschadensausgleichzahlungen, völlig konträr zum eigentlichen Auftrag der Wildschadensverhütung. Daher waren dann auch die jägerischen Aktivitäten zur Reduzierung der größeren Wildtierbestände, zwecks Eindämmung der Waldwildschäden, nutzloser, ja sogar schlimmer, als wenn gar nichts geschehen wäre! Man hätte daher besser auf diese Männerclubs mit ihren pervertierten Neigungen verzichtet.

Nicht die Jäger, sondern die Natur begann inzwischen einer weiteren Zunahme der Bestandsdichte deutlichst entgegen zu wirken.

Wegen den mengenmäßig schon zu stark angewachsenen Tierbeständen kam es durch Nahrungsmangel und der damit einhergehenden Schwächung der Muttertiere (z.B.: beim Rehwild) zu mehr Fehlgeburten und auch wegen Milchmangel zu weniger überlebendem Nachwuchs.

Zugleich ärgerten sich die Jäger aber auch über die in diesem Zusammenhang abnehmenden Wildbretgewichte.

Folglich bemühten sich unsere Hobby-Jäger mit Fütterungen diese natürliche Vermehrungsbremse auszuschalten. Auf diese Weise erzielten sie dann nicht nur bessere Wildbretpreise wegen schwererer Tiere, sondern sie konnten auch mit dem nun wieder überlebensfähigeren Nachwuchs diese Tierbestände auf ein Bestandsniveau anwachsen lassen, wie es ohne Jäger in den betreffenden Naturbereichen von selber nicht hätte vorkommen können.

In anderen Worten: Ohne Jäger und deren Hege hätte die Natur die Tiere im Lebensbereich „Wald“ von selber auf eine geringere Bestandsdichte begrenzt, als es mit diesen Hobby-Jägern nun der Fall ist.

Dieser Darstellung werden die Jäger die Worte: „Das war einmal“ entgegenhalten und auch auf Fütterungsverbote und auf sich inzwischen geänderte Verhältnisse hinweisen. Doch die Fütterungsverbote sind leicht zu umgehen und in einigen Bundesländern sogar wieder so weit abgeschafft, dass dort alte Zustände wieder neu aufblühen können.

Aber die noch vor wenigen Jahren und auch noch heute in vielen Revieren bestehenden Zustände belegen, dass alle jägerischen Worte von der Notwendigkeit der Jagd, zwecks einer naturverträglichen Niedrighaltung der Wildtierbestände, nur Phrasen und Lügen sind, mit denen man die jagdliche Sinnlosigkeit und Naturschädlichkeit zu verschleiern versucht.

Mit der großteils selbst verschuldeten Wildschweinschwemme hat man sogar erreicht, dass nun seitens der Bevölkerung die Hilferufe nach den Jägern immer lauter wurden und dass unaufgeklärte Menschen es sich nicht erklären können, wieso es denn Jagdgegner gibt.

 

Hinsichtlich dieser geschilderten Jagdpraxis und mit Blick auf die enorm hochgepäppelten Wildtierbestände mag jemand, bei fehlendem Hintergrundwissen, den Jägern anstatt der puren Lust am Töten ein gewisses wirtschaftliches Denken und daher eine intensive Nutzung unserer Natur zur Wildbretgewinnung unterstellen. Der ursprüngliche Antrieb zur Jagd war ja auch die Nahrungsbeschaffung. Aber bei dieser Hobby-Jagd ging es bisher nicht um die Fleischbeschaffung, denn das war für die, wie bereits erwähnt, noch nie ein sich wirklich lohnendes Geschäft. Ihnen geht es noch immer in erster Linie um den jagdlichen Erlebnis-Kick, um das Erfolgserlebnis das einige dieser Menschen dabei empfinden, wenn sie sehen wie das lebende Ziel getroffen zusammenbricht oder abstürzt und es geht um die Trophäe als bleibendes Andenken an diesen glücklichen Moment.

Die Hobby-Jagd ist demnach eine Form der Jagdausübung, die keine Wildbestandsregulation von Bären und Wölfen ersetzt, sondern vorrangig dem sadistischen Spaß von einigen scheinbar kranken Menschen dient und unserer Natur dazu als Nebeneffekt große Nachteile beschert. Einer dieser Nachteile ist die von der Jagd ausgelöste enorme Verängstigung der Wildtiere und daher nun deren inzwischen immer mehr gesteigerte Scheu vor uns Menschen.

 

 

Es ist unter der Würde „Mensch“ zu sein,

 

wenn Tiere nur zu unserem Vergnügen

 

sterben oder leiden müssen

 

 

 

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